DIE AKTIVISTENGEDANKENGUTDIE GESTALTENRAT & TAT





Gedanken.Verloren.
02.09.16


Ein gesellschaftliches Sorgenkind sei "die zunehmende Überalterung der Bevölkerung", das labern zumindest alte Säcke herbei, die uralt werden wollen. Rentner, so heißt es, liegen Vater Staat zu lange auf der Tasche, ehe sie unter die Mutter Erde kommen. Gemeinhin gelten Senioren als technikresistent und fortschrittsmüde – aufgewachsen eben mit Gänsekiel und Pergament. Und dennoch ahnt man, dass manch Betagte, wenn sie Bildung meinen, das nicht mit Suchmaschinen verwechseln...
Wenn der Hirnmagen knurrt und wir mittags aus unsrem K-Puff treppabwärts hinaus in die wirkliche Welt zum Essen schlurfen, beobachteten wir oft eine zierliche alte Dame, die vor unserem Bürogebäude saß. Unter einem Strohhut, mit übereinandergeschlagenen Beinen, las sie vertieft in einem Buch. Man sah, dass ihre Lektüre meist alte Scharteken waren. Bei schönem Wetter saß sie täglich, weltentrückt, im literarischen Tauchgang. Ihr Anblick hatte für uns immer etwas Angenehmes – auch Geheimnisvolles. Gern hätte man sich neben sie gesellt, wie im Film "Das Labyrinth der Wörter", sie befragt nach Sterneschuppen und Sternschnuppen; ihr beim Zweifeln zugehört; wie sie ihr Da- und Dortsein bilanziert; mit ihr Dinge weiter verrätselt und damit unsere Mittagspause wohl fahrlässig überzogen.
Warum saß sie gerade hier, nahe des Verkehrslärms auf diesem unbequemen Metallgestühl, wo doch nebenan ein idyllischer Park einlädt? Was sitzt sie hier aus? Wie war ihr Name: Renate, Gudrun, Klara, Marlene? Worin las sie: im "Buch der Flausen"; "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"; "Die gerettete Zunge"; "Besuch der alten Dame"? Wir werden es nicht mehr erfahren, der Sand ihrer Uhr scheint durchgetickt, ihr Platz blieb dieses Jahr leer – verdammt, Sorgenkinder sehen doch anders aus. Von Alfred Polgar stammt die Aussage zu einem Wiener Cafè: "...hier sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindschaft so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen." Ein gutes Buch, in dem man Gedanken lesen kann, ist mitunter Gesellschaft genug…











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